Warum wir Blockchain (nicht) brauchen

 #JAVAPRO #Kryptowährung #Blockchain ||

Bitcoin-Bashing, Blockchain-Bashing usw. sind heutzutage erlaubt. Viele Kryptowährungen haben 2018 80% ihres Wertes verloren. Selbst McKinsey wagt sich nun aus der Deckung. Nachdem sie 2017 noch gesagt haben, dass kreative Unternehmen von Blockchain profitieren könnten, revidieren sie ihre Aussagen Anfang 2019 wieder.

Als 2018 das Buch „Und es wurde… Krypto“ auf den Markt kam, hatten viele Kryptowährungen und Blockchain-Gewächse keinerlei Mehrwert. Heute ist es aktueller als je zuvor. Denn nachdem die Luft aus der Krypto-Blase gelassen wurde, existierte ein solides Fundament. Wer jetzt nicht tot ist, der lebt weiter.

Aus Misstrauen wurde Krypto

Wissen Sie noch welches Ereignis das Jahr 2008 geprägt hat? Lehman Brothers löste die große Finanzkrise dieses noch jungen Jahrtausends aus. Viele Menschen verloren Ihren Arbeitsplatz und insbesondere in den USA ihr zu Hause. In Folge dessen warfen die Notenbanken ihre Druckerpressen an und sowohl in den USA als auch in Europa wurden die Leitwährungen massiv abgewertet. Ich erinnere mich noch ganz genau wie ich morgens mein Hotel in Seattle verlies und zur Konferenz ging. Jeden Morgen saß eine Frau in ihrem vollgepackten Auto auf der einen Straßenseite. Und wenn ich abends von der Konferenz zurückkam, saß die Frau immer noch in ihrem Auto – allerdings auf der anderen Straßenseite. Jemand erzählte mir dann, dass diese Dame wohl in ihrem Auto wohnte und alle 12 Stunden dieses bewegen musste, um nicht abgeschleppt zu werden.

In genau diesem Kontext trat 2008 ein Genie auf den Plan, der ähnlich wie der Künstler Banksy Geniales schafft, den Rum aber eher aus der Anonymität heraus genießt. 2008 begann Satoschi Nakamoto, so sein Synonym, mit der Entwicklung des Bitcoins, der letztlich 2009 live geschaltet wurde. Die Motivation, so lässt sich vermuten, war die Entwertung des Geldes durch die Notenbanken und die Schaffung. Die ersten Nutzer von Bitcoin waren Nerds. Nerds, die eher an der genialen Implementierung des ersten distributed-ledger interessiert waren, härteten die ersten Versionen. Dabei war die Benutzerfreundlichkeit von Bitcoin anfangs eher für IT-affine Menschen gemacht. Genauso muss es sich bei der ersten Verwendung eines E-Mail-Systems angefühlt haben: Während man für den Versand von E-Mails einen E-Mail-
Client, eine E-Mail-Adresse und ein Passwort benötigt, um sich bei einem E-Mail-Server anmelden zu können, benötigt man bei Bitcoin (und den anderen Kryptowährungen) ein sog. Wallet, eine eindeutige Adresse sowie einen privaten Schlüssel, mit Hilfe derer Transaktionen in der Blockchain getätigt werden können:

Die von Nakamoto entwickelte Blockchain schuf eine funktionierende und fälschungssichere digital-demokratische Einmaligkeit, mit deren Hilfe digitales Gut innerhalb des eigenen, verteilten Systems nicht vervielfältigbar wurde. Und das zu lösen ist nicht einfach. Bis heute ist die Mehrheit der Finanzsysteme noch zentral gesteuert. Vereinfacht kann man sich die Herausforderung der Koordination eines Finanztransaktionssystems an folgendem Kegelclub-Beispiel ansehen:

Alle Clubmitglieder zahlen in die zentrale Urlaubskasse ein und nehmen für Besorgungen Geld aus dieser Kasse wieder heraus. Da Günter Spielautomaten mag, Petra gern feiern geht und Thomas immer einen über den Durst trinkt, ist nur Uschi die vertrauenswürdigste Person in diesem Club. Und damit ist sie prädestiniert, die Mallorca-Kasse für 2019 zu führen, in der sämtliche Transaktionen festgehalten werden. Ihre Bank ist Uschi. Sie vertrauen Ihrer Bank Ihr Geld an und Ihre Bank verwaltet die Ein und Ausgänge. Damit ist Ihre Bank ein zentrales System und Ihr gesamtes Vertrauen beruht auf dieser einzelnen Organisation. Kryptowährungen wie Bitcoin haben aber gezeigt, dass dezentrale Systeme funktionieren.

Aus Synchronisation wurde Consensus

In einer Blockchain werden Blöcke miteinander verkettet, so dass jeweils neue Transaktionen (z. B. die Überweisung von 2 Bitcoins von Ute an Peter) immer an das letzte Ende der Kette gelangt. Wenn nur einer in diesem Verfahren dafür zuständig wäre, solch eine Verkettung zu organisieren, wäre es leicht. Eine Art Organisator müsste lediglich den neuen Block ins Regal stellen und mit dem Vorgänger verketten.

Allerdings handelt es sich bei Blockchains um verteilte Systeme, bei denen jeder immer alle Blöcke und deren Verkettungen quasi als Kopie auf seinem Computer gespeichert hat. Die Schürfer sind die Buchhalter des Systems Blockchain, und sie sind dafür zuständig, dass Transaktionen in Form von Blöcken bestätigt werden. Sie werden dann z. B. mit Bitcoins oder Ether entlohnt. Damit wetteifern sie um die lukrative Bezahlung ihrer Schürfarbeit. Solch ein dezentrales und anonymes System erfordert eine gewisse Koordination. Und das Verfahren, dass diese Abläufe koordiniert, nennt man Consensus.

Da jeder anonym im Netz agiert und es niemanden gibt, der Aufsicht über den korrekten Ablauf der Bitcoin-Transaktionen führt, muss das System Blockchain so wasserdicht funktionieren, dass niemand betrügen kann. Und genau das ist bis heute erwiesen: es funktioniert dereguliert und ohne Aufpasser:

Aus Krypto-Geld wurde Krypto-Plattform

Nachdem Bitcoin gezeigt hat, dass Blockchain per se funktioniert, hat Vitalik Buterin 2015 mit seiner Ethereum-Plattform gezeigt, dass sich distributed-ledger nicht nur auf eine digitale Währung beschränken müssen. Im Gegenteil: Blockchain und Co. bieten eine exzellente Basis, um ganze Ökosysteme im Sinne einer Plattformökonomie wachsen und gedeihen zu lassen. So lassen sich auf dieser Plattform eigene Anwendungen mit unterschiedlichen Use-Cases implementieren, deren Transaktionen sicher in der verteilten Organisationsstruktur gespeichert werden.

Wann Blockchain Sinn macht

Viele beschäftigen sich mit dem Thema Blockchain. Dabei haben einige gezielte Anwendungsszenarien im Sinn, während andere noch nach dem konkreten Einsatzgebiet suchen. Die dezentrale Natur der beiden Technologien lässt Organisationen zusammenarbeiten, die vorher isoliert gedacht haben. Wenn beispielsweise ein gewaltbereiter Gefährder in Bayern registriert wird und dieser über diverse Bundesländer nach Hamburg reist, dann könnte eine Blockchain-basierte Datenbank allen Bundesländern und allen Polizeieinheiten diese Information ad hoc zur Verfügung stellen, ohne dass es mehrere komplizierte Landes- und Zentraldatenbanken gibt, die sich umständlich und teuer abgleichen müssen.

Die überaus demokratische Natur der Blockchain ermöglicht die Zusammenarbeit zweier oder mehrerer Parteien ohne eine Klärung von Datenbesitz oder Vertrauensbasis durchzuführen.

Beide Elemente sind von Natur aus da. Nur dann macht es Sinn, Blockchain einzusetzen.

Sobald die Parteien eine Blockchain-Plattform für die Zusammenarbeit wählen, sorgt die Blockchain-Technologie dafür, dass jeder immer auf alle Daten zugreifen kann. Selbst wenn eine Partei aus dem Verbund austritt, läuft das System dank Blockchain immer weiter – ohne Datenverlust. Auch das Vertrauen ist von Natur aus gegeben, da eindeutige Identitäten für Korrektheit im System sorgen. Im Fall des Hard Fork bei Bitcoin beispielsweise, bei dem die Revoluzzer den Bitcoin-Cash geschaffen haben, konnten die Bitcoin-Cash-Anhänger sogar auf Ihre Bitcoins zurückgreifen. Keine Daten gingen verloren obwohl beide Parteien (Bitcoin und Bitcoin-Cash-Anhänger) getrennte Wege gegangen sind.

Jede Industrie hat diverse Use-Cases für Blockchain. Im Folgenden schauen wir uns nun exemplarisch einen Use-Case an, der in diversen Industriezweigen Verwendung findet: Jedes Jahr im Sommer landen tausende Touristen am Flughafen, die in ihren Urlaubsländern shoppen waren. Mandy und Daniela laufen frisch gebräunt und noch teilweise in Badelatschen aus der Türkei oder aus Asien kommend mit neuer Luis-Vuitton-Tasche durch den deutschen Zoll, und Günther trägt endlich die goldene Rolex am Arm, die er schon immer haben wollte. Laut Schätzungen sind 99% aller Luis-Vuitton-Taschen Nachahmungen. Viele sind vom Original kaum zu unterscheiden. Während einige bei einem Preis von 200 EUR statt 1.800 EUR davon ausgehen, dass es sich um eine Fälschung handelt, wissen viele Käufer schlichtweg nicht, ob die bei Ebay ersteigerte Luis-Vuitton-Tasche für 1.200 EUR auch wirklich echt ist. Laut Internationaler Handelskammer entsteht durch Produktpiraterie pro Jahr ein Schaden von 1,4 Billionen Euro. Aber auch andere Güter wie Ersatzteile, Medikamente oder Software-Kopien sind häufig gefälscht.

Auch hierbei kann die Blockchain ihren Nutzen entfalten. Mit jeder Tasche, Uhr oder jedem Ersatzteil, das die offizielle Produktion verlässt, kann der Hersteller in einer Blockchain ein digitales Echtheitszertifikat erstellen, das mit einem kopiersicheren Kennzeichen der Tasche gekoppelt wird. Über eine App kann das in der Tasche versteckte Kennzeichen ausgelesen werden und damit die Echtheit des Produktes verifizieren.

Das in Shanghai basierte Unternehmen BitSE hat sich schon früh auf den Kopierschutz mittels Blockchain spezialisiert. Die sog. VeChain ist die Blockchain, über die einzigartige Identifikationen erzeugt werden, welche mit einem NFC-Chip oder einem QR-Code gepaart sind. VeChain fokussiert sich dabei auf Luxusgüter, den Einzelhandel, die Logistik, auf Weine und die Landwirtschaft. Im März 2018 gab das Unternehmen auch eine Kooperation mit BMW bekannt, um die Vernetzung, Überwachung und Nachverfolgung von Produkten zu erproben.

Oder wussten Sie, dass der deutsche Zoll jedes Jahr Millionen von gefälschten Tabletten sicherstellt? Gehandelt werden u. a. Medikamente gegen Rheuma, Krebs, Alzheimer und Impotenz. Weltweit steigt die Anzahl der gefälschten Medikamente, die mitunter lebensbedrohliche Auswirkungen haben können. Aus diesem Grund machen sich Pharmahersteller und Regierungen bereits seit einiger Zeit Gedanken, wie alle Parteien (Distributoren, Ärzte, Apotheker und Patienten) sicherstellen können, dass ein Medikament wirklich echt ist.

Im Mai 2017 haben bereits zwei Deutsche einen Preis für einen ersten Prototypen bekommen: LifeCrypter. Hierbei wird jedem Medizinbestandteil ein eindeutiger und nicht kopierbarer Schlüssel beigefügt, mit dem virtuelle und physikalische Bestandteile vom Hersteller bis zum Konsumenten nachvollziehbar transferiert werden können.

Und jetzt?

In Anlehnung an Fred Wilson, dem Gründer von Union-Square-Ventures, lässt sich rückblickend festhalten, dass ohne eine irrationale
Überschwänglichkeit nichts Wichtiges jemals geschaffen wurde. Für alles das, was wir heute als normal bezeichnen, wurde ein Hype geschaffen, der Investoren dazu veranlasste, ihr Geld in Erfindungen wie Eisenbahnen, Flugzeuge oder das Automobil zu stecken. In vielen Fällen wurde auch damals schon Geld verloren. Aber es wurde auch viel Geld gewonnen und die Überlebenden der Dotcom-Blase (Facebook, Google, Amazon, Microsoft etc.) sind heute wichtiger und wertvoller als jemals zuvor.

Als der Banksy des Internets alias Satoschi Nakamoto Bitcoin schuf, konnte er noch nicht ahnen, welche Ausmaße seine Entwicklung rund zehn Jahre später annimmt. Während viele die Anonymität der Kryptowährung für illegale Geschäfte nutzten, hatten viele andere auch ehrenwerte Ziele. Allerdings ist Anfang 2018 der Hype spürbar zurückgegangen und mehr und mehr Menschen fragen nach dem eigentlichen Nutzen einer Kryptowährung. Und das ist auch gut so.

Man muss also zwingend zwischen der Krypto-Phase 1 und der Krypto-Phase 2 unterscheiden. Die Krypto-Phase 1, die bis Ende 2017 angesetzt wurde und in der jeder irgendwie Kryptowährungen hip fand (einige sprachen gar von der Zukunft der bargeldlosen Gesellschaft), ist nun vorüber. Die Kurse sind teilweise in nur zwei Monaten auf ein Drittel und weniger abgesackt. Da hat Fortuna scheinbar wieder einmal ihre große Nadel herausgeholt und viele bunte Ballons zerplatzen lassen. Nun beginnt aber die Krypto-Phase 2, und Investoren und Unternehmer fokussieren sich endlich auf den Nutzen. Und dieser Nutzen basiert im Wesentlichen auf dem Mehrwert, der durch Blockchain geschaffen wurde. Vielleicht enden die Kryptos & Blockchains dieser Welt ja wie das Einrad-Automobil von Purves, das Aquaplane oder die Badewanne von Per Bergmann. Was die Zukunft bringt ist also ungewiss.

Werner Keil

Dr. Torsten Langner ist Digitalisierungsexperte mit einem Fokus auf Cloud und Blockchain. Er ist Keynote Speaker und Autor des Buches „Und es wurde Krypto“, das die gängigen Kryptowährungen und Blockchain-Technologien einfach erklärt und kritisch
hinterfragt.

Linkedin
Webseite: https://undeswurdekrypto.wordpress.com

 

Carolyn Molski


Leave a Reply